Nachdenken über Boden
- veröffentlicht auf Facebook als "Selma Ziege" 2019 in der Gruppe "Drei Zonen Landwirtschaft" von David Seifert
„Herkunft“ dieser Gruppe ist ja das Drei-Zonen-Prinzip von Markus Gastl, in dem es um größtmögliche Artenvielfalt bei einem geschlossenen Ressourcenkreislauf geht. Für den Bereich der Pflanzen gilt dabei: Wer Vielfalt will, braucht magere Böden.
Ist die Übertragung des „Hortus-Prinzips“ auf Landwirtschaft dann einfach „das Gleiche in groß“?
Gestern war ich bei einer Veranstaltung mit dem Titel: Vortrag mit Diskussion zum Thema "Böden besser schützen - weniger Flächen verbrauchen" (Vortrag vom 29.11.2019 in Tübingen, Veranstalter: Bürgerprojekt Zukunft Tübingen – neu denken, anders handeln, Arbeitsgruppe Landwirtschaft/Natur).*
Der Input zum Thema war für jemanden wie mich, die sich damit nicht auskennt, ziemlich komplex. Und mir ist dabei noch einmal sehr deutlich geworden, dass es keine eindimensionale „Lösung“ für eine zukunftsfähige Landwirtschaft gibt – so viele Themen, das zeigte sich spätestens in der Diskussion deutlich, sind eng miteinander verflochten. Was sie alle vereint: Es geht um die Konkurrenz um Boden.
Einige Fakten und anknüpfende Überlegungen aus dieser Veranstaltung, die mir gestern (be-) merkenswert erschienen, will ich hier mit euch teilen. Ich liste sie ungeordnet auf, wie ich sie für mich begriffen habe!
- Sprechen wir von Artenvielfalt pro m², meinen wir i. d. R. das Leben ÜBER der Erdoberfläche. Über das Leben DARUNTER und seine Vernetzung wissen wir bisher äußerst wenig.
- In der Landwirtschaftsverwaltung gibt es „Gütestufen“ für Böden – die meisten dieser Bodenkarten fußen auf der Reichsbodenschätzung von 1936 und richten sich in der Hauptsache nach dem Ertrag, den diese Böden hervorbringen. Kategorie 1 sind die guten und sehr guten Ackerböden.
- Täglich werden riesige Flächen in Deutschland neu versiegelt. Diese „Umwidmung“ des Bodens geschieht in nicht geringem Maßstab zu Lasten dieser sehr guten Ackerböden (weit weniger z. B. zulasten des Waldes), obgleich die Verwaltung betont, dass diese unbedingt erhalten werden müssten. Dieser Wunsch mündet aber in keine konkrete Verwaltungsvorschrift, sodass täglich beste Böden bebaut werden.
- De facto bedeutet „Umwidmung“ von Boden i. d. R. Verlust bzw. Abtöten von Boden.
- Um Böden konkurrieren Wohnbebauung, Straßen, Gewerbeflächen Flughäfen... – Landwirtschaft – Artenschutz, Naturschutz
- Bericht eines anwesenden Bio-Landwirts: Wird auf einen relativ guten Boden reifer Mist und Kompost ausgebracht und leicht eingearbeitet, ist der Boden im nächsten Jahr humos und noch besser. Bringt er den Mist auf einen bereits ausgelaugten, schlechten Boden, so kommt dieser im Frühjahr sozusagen „unverdaut“ wieder herauf.
- Einen guten Boden schlecht zu machen, geht leicht. Einen Boden, der seine Humusschicht und damit das Bodenleben verloren hat, wieder zu verbessern, geht entweder überhaupt nicht oder dauert viele Jahrzehnte. Hier ist ein Plädoyer für Aufklärungsarbeit: Wir sind in Deutschland (durchschnittlich, natürlich nicht überall) mit ausgezeichneten Böden in einem ausgezeichneten Klima gesegnet. Wir sollten beides schätzen und schützen!
- Was ist im Sinne der Landwirtschaft und im Sinne der Bodengütestufen ein „GUTER“ Boden?
Geht es hier einfach um ein Substrat, das dazu da ist, Pflanzen zu halten, oder spielt die LEBENDIGKEIT des Bodens, der Anteil des Bodenlebens, eine Rolle? Für die Agrarverwaltung sowie die konventionelle Landwirtschaft ist dies überhaupt kein Thema, für den Biolandwirt ein sehr wichtiges.
- Bericht des Landwirts: Wird eine Wiese umgebrochen in Ackerland (was er aus Naturschutzgründen nicht befürworte), könne er im Öko-Anbau mehrere Jahre darauf ohne Verluste anbauen, so wertvoll sei dieser über lange Zeit gewachsene Boden.
- Bericht des Landwirts: Sein Anliegen sei, über einen Stoffkreislauf die Bodenfruchtbarkeit und den Humusanteil zu erhalten und leicht aufzubauen. Im konventionellen Bereich übernehme ausgebrachter Mineraldünger die Nährstoffversorgung mit entsprechenden Folgen für die Bodenfruchtbarkeit.
- Aufbau von Humus ist ein Beitrag zum Klimaschutz. Andersherum: Die Zerstörung der Humusschicht setzt große Mengen CO2 frei.
- Der Ertrag pro Fläche ist im Bio-Landbau geringer (ca. 45-50 dz/h zu 70-80 dz/h(?)).
- Wenn ein bestimmter Anteil von Bio-Landwirtschaft (z. B. 30-40 %) angestrebt wird – sollten die „sehr guten Böden“ dann nicht vorrangig SO bewirtschaftet werden?
- Boden habe gegenüber dem Naturschutz keine Lobby, so eine These zur Diskussion.
- Ein besonderer Schutz guten Ackerlands ist nötig, um wirtschaftlich arbeiten zu können. Werde z. B. über Ackerland eine vierspurige Straße gebaut, sei der Bauer gezwungen, auf den denn verbleibenden Flächen immer intensivere Landwirtschaft zu betreiben, so eine Stimme.
- Regional gesondert zu betrachten, aber in der Tendenz deutschlandweit: Immer mehr Ackerland ist NICHT im Eigentum der bebauenden Landwirte und NICHT dem der Kommunen. Landspekulation findet in großen Maßstab hier und heute auch in Deutschland statt. Gerade mit Böden der Kategorie 1 lassen sich immense Geschäfte machen! These: Land in der Hand der Kommunen oder Bauern ließe mehr Spielraum in der Art der Bewirtschaftung und mehr Anreize zu regionaler Nachhaltigkeit.
- Effiziente Bewirtschaftung führe zu immer größeren Monokulturen. Wo früher auf einem Hektar eine Vielzahl von Feldfrüchten wuchsen, stehen nun 100 Hektar Mais. Für die Artenvielfalt allgemein, aber mit hoher Wahrscheinlichkeit insbesondere für die des Bodens, ist dies ein immenses Problem.
- Bericht des anwesenden Landwirts: Es gehe nicht darum, bio gegen konventionell auszuspielen. Aber mit massiver Intensivierung gehe „normales“ landwirtschaftliches Wissen verloren, z. B. sinnvolle Fruchtfolgen, gegen die auch im konventionellen Anbau ja nichts sprechen müsste.
- Besonderheit hier in Tübingen: Die Stadt wächst in rasantem Tempo, Nachverdichtung gerät an ihre Grenzen. Wenn nun die „guten Böden“ kommunal besonders geschützt werden – was bedeutet dies für die „übrigen“ Flächen? (In der Hauptsache Streuobstwiesen, Weinberge, Weinberg-Sukzessionsflächen (ehemalige Weinberge mit Trockenmauern, die nicht mehr bewirtschaftet werden) und weiteres Ackerland – z. T. (noch) relativ artenreiche Habitate). Hier gibt es eine deutliche Kollision mit dem Naturschutz.
Bei dieser Veranstaltung ging es in der Hauptsache um Ackerböden – bezogen auf die „drei Zonen“ also die Ertragszone.
Trotzdem finde ich diese Gedanken dazu wichtig, um ein Gefühl dafür zu bekommen, was für Bauern, die einigermaßen auskömmlich wirtschaften wollen, eine Rolle spielt, wenn sie mit der Forderung nach mehr Artenschutz konfrontiert werden und zur Anlage von Gehölzgruppen, Hecken, breiten Rainen, der Reduzierung von Düngemitteln, Herbi-, Fungi- und Insektiziden usw. „aufgefordert“ werden.
Ich denke, dass es wichtig ist, in jedem Einzelfall genau hinzuschauen, von welchen Flächen und welchen BÖDEN wir jeweils sprechen.
Zugleich sehe ich hier auch eine Chance: Für die Artenvielfalt „interessieren“ uns eher magere Standorte, für die Landwirtschaft, wo sozusagen ständig „abgemagert“ wird, eher die nährstoffreichen.
Allerdings gilt es genau hinzuschauen: Nährstoffreich bedeutet ja nicht automatisch humos, nährstoffarm nicht humusarm.
Ich könnte mir vorstellen, dass hier regional ganz unterschiedlich geschaut werden muss, und dass auch die „Forderungen“ des Naturschutzes an die Landwirtschaft unterschiedlich sein MÜSSEN.
Das macht die Sache nicht weniger komplex

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*Impulsreferat Willfried Nobel, bis 2016 Professor für Ökologie, insbesondere Siedlungsökologie der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt Nürtingen-Geislingen. Er war Regionalrat im VerbandRegion Stuttgart und ist LNV-Referent für Flächenverbrauch und Bodenschutz
Beitrag von primulaveris aus dem alten Forum
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